Erfahrungsbericht

Melanie Rautert bei Buurtzorg
© Melanie Rautert

von Melanie Rautert Internationaler Tag

Melanie Rautert nahm am 04.12.2018 an dem „Internationalen Tag Buurtzorg“ in Almelo, Niederlande teil. Buurtzorg zeichnet aus, dass ein „einfach“ geregeltes Unternehmen, sich Problemen des Pflegesektors erfolgreich angenommen hat. Sie haben es geschafft, einen attraktiven Arbeitsplatz für Pflegekräfte zu schaffen, mit weniger Bürokratie und der Möglichkeit wieder der eigentlichen Pflege von Menschen nachzugehen.

FortbildungSich selbst regulierende Teams

Ausgangssituation, Fragestellung und Ziel
Zum Zeitpunkt des Bildungsaufenthaltes bei dem Internationalen Tag Buurtzorg war ich als Krankenschwester in der Funktion als  Case Managerin des Sozialdienstes in einem Krankenhaus tätig. Mit Buurtzorg hatte ich mich im Vorfeld bereits in einer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt. Von der Veranstaltung am 4. Dezember 2019 versprach ich mir mehr Informationen zur Finanzierung von Buurtzorg. Darüber hinaus war ich an einem Erfahrungsaustausch über die Vor- und Nachteile der selbstregulierenden Teams interessiert. Was den Transfer des Buurtzorg-Modells in andere Länder betrifft, beschäftigten mich insbesondere folgende Fragen: Wie weit ist Buurtzorg international? Wurde Buurtzorg im internationalen Umfeld überwiegend als eigene Marke umgesetzt oder haben sich Institutionen Elemente aus dem Buurtzorg Modell herausgegriffen? Welche Hürden gab es in anderen Ländern zu überwinden? Antworten auf diese Fragen schienen mir wichtig, um nochmals besser einschätzen zu können, inwieweit eine Übertragung des Modells nach Deutschland möglich ist und wie ein funktionierendes Konzept zum Transfer dieser Idee aussehen könnte.

Die aktuelle Situation der Pflege in Deutschland macht ein Umdenken erforderlich. Denn: In Deutschland steht der Pflegesektor vor komplexen Herausforderungen. Einem hohen Anteil alter Menschen steht ein vergleichsweise geringer Anteil jüngerer Menschen gegenüber. Dieser demografische Wandel führt aktuell und zukünftig noch mehr zu einem Versorgungsproblem pflegebedürftiger Menschen. Weiterhin erschwert die Pflege ein zerfasertes Abrechnungssystem in der ambulanten Pflege. Hinzu kommen hierarchische Führungsstrukturen, die unterstützt durch die Politik immer mehr Leistung verlangten. Bürokratie für Kontrollzwecke wurde in den letzten Jahren immer mehr erhöht, beispielsweise die Einführung der DRG`s in den Krankenhäusern. Dadurch wurde den Pflegekräften die eigentliche Arbeit, das heißt die Pflege und Betreuung der Patienten erschwert. Zurück blieb der Blick auf die Wirtschaftlichkeit, was zu weniger menschlicher Zuwendung für erkrankte Menschen führt, die sich in Ausnahmesituationen befinden. Durch den Zeitmangel der Pflegefachkräfte und die Übernahme von pflegerischen Aufgaben durch weniger qualifiziertes Personal leidet die Qualität der pflegerischen Versorgung. Eine weitere Problematik stellt der Pflegefachkräftemangel dar. Durch die angespannte Lage sind die Pflegekräfte frustriert und resignieren vielfach. In vielen Fällen identifizieren sie sich nicht mehr mit ihrem Beruf und/oder der Organisation, in der sie arbeiten. Viele fühlen sich unterbezahlt.

Art und Ablauf der Bildungsmaßnahme
In den Niederlanden kam der innovative ambulante Pflegedienst Buurtzorg (übersetzt: Nachbarschaftshilfe) im Jahr 2007 offiziell auf den niederländischen Markt. Dieses veränderte die Pflege in den Niederlanden nachhaltig. Mit dem Programm „Care for Chronic Condition“ fördert die Robert Bosch Stiftung Bildungsmaßnahmen im Ausland, mit dem Ziel die gewonnenen Erfahrungen in die deutsche Gesundheitsversorgung einfließen zu lassen.

Jos de Blok ist Gründer des ambulanten Pflegedienstes Buurtzorg und gab den Teilnehmenden, darunter drei geförderte Personen der Robert Bosch Stiftung aus Deutschland, gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern aus verschiedenen Bereichen einen umfassenden Einblick in ihre Arbeitsweise. Sie stellten die einzelnen Komponenten vor, und illustrierten wie das Non-Profit-Unternehmen Buurtzorg sich zu einem erfolgreichen Unternehmen im Pflegesektor der Niederlande entwickelte. Vor allem wurde eine Haltung präsentiert und transportiert, die ein elementarer Schlüssel Buurtzorgs darstellt und Resultat einer menschlichen Unternehmensführung ist. Das Programm bestand aus allgemeinen Informationen über Buurtzorg, die Position der IT, die Krankenschwester in einem selbstregulierenden Team, die Unterstützung des Backoffice und die Rolle der Regionalcoaches. Im Hauptbüro Buurtzorg in Almelo sitzt das Backoffice, also die Verwaltung des Unternehmens.

Weiterführende Informationen zu Buurtzorg finden sich unter www.buurtzorg.com.

Ergebnisse der Bildungsmaßnahme und Transfer
Buurtzorg zeichnet aus, dass ein „einfach“ geregeltes Unternehmen, sich Problemen des Pflegesektors erfolgreich angenommen hat. Sie haben es geschafft, einen attraktiven Arbeitsplatz für Pflegekräfte zu schaffen, mit weniger Bürokratie und der Möglichkeit wieder der eigentlichen Pflege von Menschen nachzugehen. Den Pflegekräften wird durch das Werkzeug der selbstregulierenden Teams unter anderem wieder Eigenverantwortung, Wertschätzung und der Glaube an ihre Kompetenzen zurückgegeben. Jos de Blok als Geschäftsführer vertraut den Pflegekräften die Umsetzung einer qualitativ guten Pflege zu, ist überzeugt von ihrem Organisationstalent und ihren Selbstkompetenzen. Die Pflegekräfte setzen dieses Vertrauen und den Glauben der Geschäftsführung in der Praxis um und bieten den Klienten, welche sie versorgen die entsprechend hohe Pflegequalität. Hierzu zählt unter anderem mehr Zeit, Menschlichkeit, Zuwendung, wenn möglich eine autonome Lebensführung durch Prävention und Einbindung von Angehörigen, Freunden, Nachbarn und enge Kooperation mit Ärzten, Apotheken, Krankenhäusern, Therapeuten, etc.

Geschulte Regionalcoaches und das Back Office unterstützen die Pflegekräfte in ihrer Arbeit. Eine positive Einstellung zu Menschen ist sozusagen eine Grundvoraussetzung, um bei Buurtzorg zu arbeiten. Letztendlich profitiert auch das niederländische Gesundheitssystem, da Buurtzorg durch ihre Arbeitsweise Kosten einspart. Selbst die Regierung ruft auf, dass auch andere Pflegedienste nach dem Beispiel von Buurtzorg arbeiten sollen.

Für den Transfer des Buurtzorg-Modells in meine Heimateinrichtung habe ich ein theoretisches Konzept zur Umsetzung der Selbstorganisation im stationären Bereich eines Krankenhauses entwickelt. In einem Modellprojekt würde auf einer Modellstation ein sich selbst organisierendes Team eingesetzt. Es würde auf dieser Modellstation keine Stationsleitung geben und die Pflegedienstleitung würde als Coach fungieren. In meinem Konzept mache ich Aussagen zu personellen und strukturellen Voraussetzungen und habe einen detaillierten Ablaufplan entwickelt. Außerdem definiere ich die Rolle der Coaches und der Geschäftsführung.

Ich kann mir außerdem vorstellen das Modell in unserer und benachbarten Kommunen vorzustellen, umso mehr Unternehmen davon zu begeistern und zum Nachdenken anzuregen. Hierzu würde ich bereits bestehende Netzwerkkontakte im Bereich Gesundheit- und Versorgung nutzen. Der persönliche Kontakt, Presseartikel, Einladungen zu Vorträgen, soziale Medien könnten zum Einsatz kommen. Hier müssten natürlich rechtliche Dinge abgeklärt werden. In diesem Kontext ist es sinnvoll sich vorab mit Buurtzorg Deutschland zusammen zu setzen, inwiefern es möglich ist Buurtzorg bzw. die Idee von Buurtzorg auch in unserem ländlichen Bereich vorzustellen.

Fazit
Buurtzorg ist aufgrund eines anderen Gesundheitssystems in Deutschland nicht eins zu eins umzusetzen. Dennoch kann sich die Pflege in Deutschland an das Buurtzorg Modell anlehnen, wie aktuell anhand Buurtzorg Deutschland im Münsterland in einem drei Jahres Projekt zu verfolgen ist. Außerdem ist Buurtzorg Niederlande grundsätzlich ein Beispiel dafür, dass Rahmenbedingungen verändert werden können, wenn ein gesundes Konzept dargelegt wird. Vor allem auch durch Menschen, die selbst aus der Pflege kommen, wie Jos de Blok es mit Buurtzorg vorlebt.

Autorin
Melanie Rautert, Case Managerin im Sozialdienst, Krankenhaus Maria Hilf Warstein (zum Zeitpunkt der CfCC-Hospitation)

Datum der Veröffentlichung
26.02.2019

 

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