Erfahrungsbericht

London im März 2019 © Martina Lebek
London im März 2019 © Martina Lebek

von Burkhard Bröge, Martina Lebek, Gwendolin Spangenberg, Jenny Ziegenhagen Recovery College

Vom 24.-29.03.2019 besuchten Burkhard Bröge, Martina Lebek, Gwendolin Spangenberg und Jenny Ziegenhagen zwei Recovery Colleges, das CNWL Central Northwest London Recovery and Wellbeing College, Camden & Islington Recovery College (C&I RC) und die Organisation ImROC (Implementig Recovery through Organisational Change) in London. Sie nahmen außerdem an einem „Train the Tutor-Kurs“ in London teil. Sie berichten hier von Ihren Erfahrungen.

Hospitation und FortbildungGesundheitskompetenz fördern

Ausgangssituation, Fragestellung und Ziel
Der Verein Recovery College Berlin e.V. wurde im Januar 2016 aus einer Gruppe von Menschen mit eigener Erfahrung psychischer Erkrankung und/oder professionell Tätigen im Bereich Sozialpsychiatrie gegründet. Ziel des Vereins ist der Aufbau eines ersten Recovery Colleges in Deutschland nach dem Vorbild ähnlicher Institutionen z.B. im europäischen Ausland. Im Mittelpunkt steht das Angebot von Kursen und Informationsveranstaltungen zur Förderung der Gesundheitskompetenz im Bereich der psychischen Gesundheit für Menschen mit seelischen Krisen, deren Unterstützer*innen und Mitarbeiter*innen von psychiatrischen und sozial-psychiatrischen Institutionen.

Allein in Großbritannien entstanden auf der Grundlage einer Initiative der staatlichen Gesundheitsbehörde in den letzten Jahren ca. 85 Recovery Colleges. Erste Studienergebnisse belegen subjektiv wahrgenommene Verbesserungen in den Bereichen Gesundheit und Lebensqualität der Teilnehmer*innen und ergaben erste Anhaltspunkte für eine Reduktion der Nutzung von Hilfsangeboten nach Teilnahme an Programmen der Recovery Colleges. Der Einsatz von Peers und die damit einhergehende Nutzung von Erfahrungswissen als wirksamem Instrument zur Verbesserung der Gesundheitskompetenzen ist ein wesentliches Kennzeichen der Arbeit von Recovery Colleges.

Durch den geförderten Auslandsaufenthalt in Großbritannien wollten wir unseren Wissensstand zur Funktionsweise von Recovery Colleges und zur Methodik der Kursentwicklung- und durchführung erweitern. Wir wollten mehr erfahren über die Arbeitsorganisation, Finanzierung, Qualitätssicherung und Evaluation sowie zu Methoden zur Entwicklung von bedarfsangepassten Kursen unter Einbeziehung der Nutzer*innen. Wir bewarben uns deshalb mit einer eigenen Idee für eine Förderung durch das Programm "Care for Chronic Condition" (CfCC).
 

Art und Ablauf der Bildungsmaßnahme
Wir besuchten deshalb Ende März 2019 für eine Woche das Central Northwest London Recovery and Wellbeing College und das Camden & Islington Recovery College. Wir nahmen ein Coaching durch die Organisation ImROC in Anspruch und absolvierten einen dreitägigen „Train the Tutor-Kurs“. ImROC (Implementig Recovery through Organisational Change) ist 2007 aus einer Initiative in Nottingham heraus entstanden, in Zusammenarbeit mit den National Health Services im Bereich des dortigen psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgungssystems. Ziel von ImROC ist es seither, das Recovery-Konzept umzusetzen und zu verbreiten.
In beiden Colleges standen uns Mitglieder der Leitungsteams und erfahrene Peer-Trainer*innen zum Austausch zur Verfügung.
 

Ergebnisse der Bildungsmaßnahme und Transfer
Der C&I RC Trainerkurs hat dazu beigetragen, unser Wissen zu Co-Production und Methoden der Kursgestaltung zu erweitern. Die zur Verfügung gestellten Materialien zur Kursdurchführung und zur Datenerhebung sowie die Informationen in Hinblick auf die organisatorische Umsetzung bilden eine gute Grundlage für unsere weiteren Aktivitäten. Zu sehen, dass es langfristig gelingen kann, ein solches College zu betreiben und dabei die recovery-orientierten Haltungen und Überzeugungen - die ursprünglich vor allem von den Erfahrungen Betroffener geprägt worden sind - beizubehalten, hat uns begeistert und inspiriert. Wir wurden ermutigt, den eingeschlagenen Weg trotz der in Deutschland sehr differenten Ausgangslage weiter zu verfolgen.
 

Fazit
Insgesamt haben sich unsere Erwartungen hinsichtlich der zu gewinnenden Erkenntnisse erfüllt. Wir haben einen Überblick über die praktische Umsetzung und die zu Grunde liegenden Ideen und Haltungen sowie Hinweise auf notwendige organisatorische Maßnahmen erhalten. Letztere bezogen sich auf die Arbeitsorganisation, auf Inhalte der Angebote und die Praxis der Kooperation auf kommunaler Ebene sowie auf die Methoden der Co-Production von Peers und Fachpersonen.

Recovery Colleges sind auch in London noch junge Projekte, die sich im Entwicklungsprozess befinden. Inwieweit sie sich langfristig konsolidieren und wie sie zukünftig arbeiten werden und welche Rolle Peers und Nutzung von Erfahrungswissen tatsächlich spielen werden, wird sich zeigen. Die positive Resonanz, erste erfreuliche Ergebnisse aus der Forschung, die hohe Anzahl der Nutzer*innen sowie die Bereitschaft der britischen Politik, RC als Versorgungsangebot zu fördern, lassen darauf schließen, dass es auch in Deutschland lohnend ist, vergleichbare Projekte zu verfolgen. Recovery Colleges könnten ein Beitrag dazu sein, Teile der im „Aktionsplan psychische Gesundheit“ der WHO geforderten Maßnahmen auch in Deutschland umzusetzen. Wir planen, als nächsten Schritt zur erfolgreichen Implementierung, ein Pilotprojekt. Im Rahmen dieses Projektes sollen im Verlauf von drei Jahren Kursangebote entwickelt, erprobt und evaluiert werden. Kooperationen mit Partnern aus den Bereichen Wissenschaft, Versorgung und Kultur streben wir an.
 

Autorinnen und Autor
Burkhard Bröge
Martina Lebek
Gwendolin Spangenberg
Jenny Ziegenhagen
 

Datum der Veröffentlichung
08.07.2019

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