Erfahrungsbericht

Motto Buurtzorg © Nicole Anacker
Motto Buurtzorg © Nicole Anacker

von Nicole Anacker Internationaler Tag Buurtzorg

Nicole Anacker nahm am 18.06.2019 an dem „Internationalen Tag Buurtzorg“ in Almelo, Niederlande teil. Besonders beeindruckt und interessiert haben Nicole Anacker die Darstellungen des pflegerischen Arbeitsalltages. Das Motto „Start with Chat“ bedeutet, dass bevor es an die pflegerische Tätigkeit am Patienten geht, sich die Zeit für ein Gespräch genommen wird. Das fördert die Beziehung zum Patienten und stärkt das Vertrauen in die Pflege.

Fortbildung„Start with a chat“

Ausgangssituation, Fragestellung und Ziel
Im September 2018 wurde ich mit der Aufgaben betraut für das Heliosklinikum Erfurt einen ambulanten Pflegedienst aufzubauen.

Zuvor hatte ich 10 Jahre in der Schweiz gelebt und dort meinen Abschluss als Bachelor in Science of Nursing 2013 erhalten. Seit 2016 habe ich auch den Abschluss als Diplom-Wundexpertin (SAfW) und war in dieser Position in der Spitex, dem öffentlichen ambulanten Pflegedienst in der Schweiz tätig. Aus privaten Gründen zog es mich wieder zurück in meine Heimat und ich freute mich auf die neue Aufgabe in Erfurt.

Schnell habe ich gemerkt, dass das System hier völlig anders aufgebaut ist, als ich es aus der Schweiz kenne. Pflegerische Leistungen nach SGB V und XI werden nach Preislisten und Stückzahl und nicht nach Minuten abgerechnet. Die Einschätzung der Pflegebedürftigkeit erfolgt nicht durch die Pflege, sondern durch ein externes Gremium, dem MDK. Für die Ausführung von Behandlungspflege bedarf es vorab einer korrekt ausgefüllten „Verordnung häuslicher Krankenpflege“ vom Arzt. Ich habe festgestellt, dass die Handlungsfähigkeiten einer Pflegefachkraft in Deutschland im Vergleich zur Schweiz doch sehr eingeschränkt sind. Durch die knapp bemessenen „Stück-Preis-Vergütungen“ der Krankenkassen fehlt der Pflege aber auch oft die Zeit, um sich angemessen um den Patienten kümmern zu können. Für einen Pflegedienst ist es also finanziell interessant, wenn möglichst viele Patienten innerhalb eines kurzen Zeitraums angefahren werden können. Es fällt auf, dass die Bedürfnisse der Patienten in diesem System nicht immer angemessen berücksichtigt werden und der Pflege häufig die Hände gebunden sind.

Zufällig fiel mir ein Bericht über das holländische Buurtzorg-System in die Hände. Darin stand, dass vor der Etablierung dort, die Verhältnisse für Patienten und Pflegekräfte ähnlich waren, wie in Deutschland. Nach über 10 Jahren Buurtzorg in Holland gibt es nachweislich eine hohe Patientenzufriedenheit und auch die Pflegekräfte fühlen sich bestärkt in ihrer Rolle. Ich habe mich gefragt, welcher Weg nötig war, damit das Buurtzorg-System so erfolgreich werden konnte und ob es möglich ist, ein ähnliches System zeitnah in Deutschland einzuführen. Deshalb habe ich mich über das Programm „Care for Chronic Condition“ (CfCC) für den internationalen Tag von Buurtzorg in Almelo beworben.

Art und Ablauf der Bildungsmaßnahme
Etwa 12 Teilnehmer aus Finnland, Australien, Deutschland und der Schweiz nahmen am International Day in der Buurtzorg-Zentrale in Almelo teil. Dabei kamen die Teilnehmer nicht nur aus der Pflege, sondern auch aus großen international bekannten Firmen, wie L'Oréal und SAP.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde wurde das Buurtzorg-System durch verschiedene Referenten mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten im Seminarstil vermittelt.

Der Gründer Jos de Blok führte uns in das Buurtzorg-System ein und berichtete über die Ausgangslage und die Entwicklung seit dem Start 2007. Danach wurde das selbst entwickelte IT System erklärt. Eine Krankenschwester berichtete über ihre tägliche Arbeit in einem selbstverwalteten Team. Diese Teams werden von Coaches unterstützt. Funktion und Arbeitsweise wurden von einem Coach erklärt. Die Rolle des Backoffice, als Unterstützung in der Administration wurde ebenfalls durch eine Referentin erklärt. Die Möglichkeit Fragen zu stellen und die Möglichkeit zur Diskussion gab es am Ende des Tages.

Ergebnisse der Bildungsmaßnahme und Transfer
Vor allem die Darstellungen des Arbeitsalltages haben mich sehr interessiert und beeindruckt. „Start with Chat“ – das bedeutet, dass bevor es an die pflegerische Tätigkeit bzw. die Behandlung am Patienten (Klienten) geht, die Pflegefachkräfte sich die Zeit für ein Gespräch nehmen. Das fördert die Beziehung zum Patienten und stärkt das Vertrauen in die Pflege. Außerdem bekommt die Pflege ein Bild von der Gedankenwelt des Patienten, was gerade wichtig ist und was es braucht, um die Lebensqualität und Wohlbefinden zu verbessern. Die Bedürfnisse der Patienten und das Ziel sie wieder möglichst unabhängig von der Pflege zu machen, stehen im Zentrum des Geschehens. Um dieses Ziel zu erreichen ist Zeit erforderlich, weil der Patient viele Dinge erst wieder mühevoll lernen muss. Im Buurtzorg-System ist Platz für diese Zeit, weil dort minutengenau abgerechnet werden kann und der Patient damit häufig wieder in die Selbständigkeit entlassen werden kann. Es hat sich gezeigt, dass trotz des zeitlichen Mehraufwandes 20 Prozent der Kosten im Vergleich zu anderen Systemen eingespart werden können. Für den gesamten Prozess ist die Pflege zuständig. Bei Bedarf nimmt sie Kontakt zum Arzt und anderen Schnittstellen auf. Das stärkt die Rolle der Pflege, weil die Mitarbeiter spüren, dass sie für den Patienten etwas bewirken können und damit steigt auch ihre Zufriedenheit.

Patientenzufriedenheit, Attraktivität des Pflegeberufes und Kosteneinsparungen bei den Kostenträgern – das wäre sicher auch sehr interessant für Deutschland. Es gibt erste Ansätze auch in Deutschland das Buurtzorg-System umzusetzen. Dort fangen die ersten Pflegedienste an, die Pflegemaßnahmen nach Minuten abzurechnen. Dafür braucht es spezielle Verhandlungen mit den Kassen und gute Argumentationen. Eine Möglichkeit wäre auch über Projekte, bei denen Pflegedienste nach dem Buurtzorg-System arbeiten und diese dann nach Auswertung flächendeckend eingesetzt werden könnten.

Auch die Idee des Selbstmanagements finde ich großartig, denn hier können sich alle Mitarbeiter einbringen. Ideen der Mitarbeiter finden Gehör und gemeinsam kann über eine mögliche Umsetzung entschieden werden. Dies könnte auch relativ schnell in Deutschland umgesetzt werden. Voraussetzung ist eine klare Vorstellung, wer welche Aufgabe übernehmen kann, und es muss den Mitarbeitern vermittelt werden, wie dies in der Praxis aussehen könnte.

Fazit
Ein Wandel im deutschen Pflegesystem geschieht nicht von heute auf Morgen. Dass es Veränderungen geben muss, steht außer Frage. Es ist gut, dass vereinzelt damit begonnen wird in kleinen Schritten in Richtung Buurtzorg loszugehen. Wir müssen uns Gedanken machen, wie die Pflege zukünftig in Deutschland aussehen soll. Wir können nicht warten bis es eine Änderung in der Gesundheitspolitik gibt, sondern wir an der Basis müssen damit anfangen der Politik zu zeigen, dass es einen besseren Weg geben kann. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass ich durch das CfCC-Programm das holländische Buurtzorg Programm kennen lernen durfte.
 

Autorin
Nicole Anacker, Pflegefachkraft (Bachelor in Science of Nursing)

Datum der Veröffentlichung
06.08.2019

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