Erfahrungsbericht

© Beate Pinkert
© Beate Pinkert

von Beate Pinkert, Claudia Seydholdt, Martin Vedder, Dieter Schax Studienreise AGpR e.V.

Eine Gruppe aus dem Bereich (Gemeinde-)psychiatrie reiste vom 13. bis 18.10.2019 nach Salzburg, Ljubljana und Trieste. 4 der Teilnehmenden, die Autoren dieses Berichts, erhielten eine Förderung durch das Programm Care for Chronic Condition. Sie schauten sich dort die Arbeit mit und für Menschen mit einer psychischen Erkrankung an. Ihr Ziel war, die gewonnenen Erkenntnisse zu analysieren und einen möglichen Transfer für die Arbeit mit chronisch psychisch erkrankten Menschen in Deutschland herzustellen. Unter anderem reisten Peers mit.

StudienreiseChronisch psychisch krank in Europa

Ausgangssituation, Fragestellung und Ziel
In Deutschland werden chronisch psychisch erkrankte Menschen in Krisensituationen und oftmals längerfristig in psychiatrischen Kliniken versorgt. Die ambulante Versorgung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung funktioniert in einigen Regionen Deutschlands bereits ganz gut. Dort wird ein Leben im eigenen Sozialraum ermöglicht. Bundesweit ist dies leider noch nicht die Regel.
Menschen mit einer psychischen Erkrankung kommen in Deutschland häufig nicht (schnell genug) an Leistungen, die sie auf dem Weg der Genesung oder Akzeptanz ihrer Krankheit unterstützen. Ein Grund dafür ist, die säulenartige Finanzierung der Leistungen aus unterschiedlichen Gesetzbüchern und die daraus resultierende Zuständigkeit unterschiedlicher Kostenträger.

Versuche dem durch Projekte zu begegnen, welche eine sogenannte sozialleistungsträgerübergreifende Versorgung anbieten, werden immer wieder initiiert. Jedoch ist eine strukturelle Änderung nicht in Sicht.
Dies war das erste Thema unserer Studienreise: Wie arbeiten multiprofessionelle, sozialleistungsträgerübergreifende Teams bei unseren europäischen Nachbarn zusammen? Findet Zusammenarbeit statt und wenn ja wie?

Das zweite Thema beschäftigt sich mit sogenannten Peers. Peers sind Menschen mit einer psychischen Erkrankung, die eine Fort- oder Weiterbildung gemacht haben. Sie treten nun durch ihr Wissen und ihre Empathie mit (akut) psychisch erkrankten Menschen in Kontakt und finden durch ihr Erfahrungswissen einen anderen Zugang zu ihnen. Man hat erkannt, dass Peers für die Begleitung und Genesung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung ein ganz besonderer, manchmal entscheidender Faktor sein können. In Deutschland wird der Einsatz von Peers von Organisationen und auch Kostenträgern forciert. Insbesondere die Finanzierung ist jedoch nicht sichergestellt, da es sich bei Peerberater*innen nicht um einen anerkannten Beruf, wie z.B. Krankenpfleger*innen handelt.
Die Frage ist, wie werden Peers im europäischen Ausland eingesetzt? Gibt es eine anerkannte Berufsbezeichnung? Wie und wo werden Peers eingesetzt?

Die dritte Frage, die wir auf unserer Reise beantworten wollten, bezog sich auf das Thema Arbeit für Menschen mit einer psychischen Erkrankung.
Tagesstrukturierung ist insbesondere für Menschen mit einer psychischen Erkrankung sehr wichtig. Sie stabilisieren sich in der Regel durch eine Beschäftigung und Tagesstruktur. Wie geht man mit diesem Thema in Österreich, Slowenien und Trieste um? Arbeiten Menschen mit einer psychischen Erkrankung in der freien Wirtschaft? Gibt es Arbeitsprojekte? Wie ist die Entlohnung? Welche Arbeiten werden verrichtet? Wie werden sie am Arbeitsplatz betreut?

Art und Ablauf der Bildungsmaßnahme
In Salzburg nahmen wir an einem Vortrag teil, besuchten ein Arbeitszentrum mit verschiedenen Arbeitsbereichen (Büro, Holzwerkstatt, Anfertigung und Nähbereich) sowie einen Kantinenbetrieb für Menschen mit einer psychischen Erkrankung.

In Ljubljana wurde uns die Arbeit eines großen Anbieters von Dienstleistungen für Menschen mit psychischen Erkrankungen vorgestellt. Des Weiteren hörten wir einen Vortrag eines Angehörigen, einer Peerberaterin und eines Betroffenen und besuchten im Anschluss eine Bewohnergruppe.

In Trieste wurde uns die Geschichte der Deinstitutionalisierung der Psychiatrie geschildert. Wir wurden bei einer Kooperative über die Arbeit und Funktionsweise von Kooperativen informiert und besuchten das Gelände einer ehemaligen psychiatrischen Klinik. Auf diesem Gelände fand vor ca. 40 Jahren die Geburtsstunde der Deinstitutionalisierung der Psychiatrie statt. Heute sind dort Kooperativen tätig, verkaufen ihre hergestellten Produkte, betreiben ein Café/Restaurant und Studenten halten sich dort auf. Es finden Kurse statt etc.
Außerdem nahmen wir an einem Vortrag eines Gesundheitszentrums statt, welches von der WHO gefördert wird. Hier lernten wir einiges über die Organisation des Gesundheitswesens in Trieste und Italien. Des Weiteren besuchten wir ein Stadtteilzentrum und hatten ein Gespräch mit Peers und mit einer Psychiaterin der städtischen Klinik.

Ergebnisse der Bildungsmaßnahme und Transfer
In Salzburg lernten wir einen Träger kennen, der sich insbesondere auf das Thema Arbeit konzentriert, um Menschen mit einer psychischen Erkrankung in die Gesellschaft zu integrieren. Es gibt ein strukturiertes, zeitlich begrenztes Trainingsprogramm mit Praktika in unterschiedlichen Bereichen. Das Programm besteht aus den Stufen Orientierung, Qualifizierung und Integration. Die Organisation arbeitet eng mit umliegenden Unternehmen zusammen und prämiert jährlich gute Zusammenarbeit.

Die Organisation in Slowenien, die uns ihre Arbeit vorstellte, implementiert vor allem lokale Anlaufstellen für Klient*innen, um hierdurch niederschwellige Angebote im gesamten Land vorzuhalten. Das Angebot von Šent bezieht sich insbesondere auf die Themen Arbeit und Tagesstruktur. Die zugehende ambulante Versorgung steckt noch in den Kinderschuhen, soll aber weiter ausgebaut werden.
Peers beraten und unterstützen sich gegenseitig. Die Angehörigen „Friends, Family and Parents“ sind gut organisiert und haben ein 4-stufiges strukturiertes Programm, welches sie durchlaufen.
In Trieste hat das Thema Arbeit einen besonderen Schwerpunkt. Es gibt an die 16.000 Kooperativen in ganz Italien. Die Eingliederung von chronisch psychisch erkrankten Menschen erfolgt, wenn möglich, hierüber. Multiprofessionelle Teams arbeiten in Trieste Hand in Hand und in engem Austausch. Die Behandlung und Unterstützung von psychisch erkrankten Menschen findet fast ausschließlich ambulant statt.

Fazit
Das Thema seelische Erkrankungen ist in Österreich ein Randthema, welches weitere und intensive Anti-Stigma-Arbeit erfordert.
Multiprofessionelle Teams bestehen hier vor allem aus Psychologen, Psychotherapeuten und Sozialarbeitern. Ambulante Versorgung für Menschen mit einer psychischen Erkrankung wird eher seltener und wenn, durch Kliniken angeboten. Die Trennung ist strikt, wer welche Leistungen zu erbringen hat. Peerarbeit spielt in Österreich eine untergeordnete Rolle. Die Integration von psychisch erkrankten Menschen erfolgt über Arbeit.
In Slowenien wird erstaunlich viel für Menschen mit einer psychischen Erkrankung getan. Die Entwicklungen in Bezug auf multiprofessionelle Teams und Peers werden vorangetrieben. Besonders stach die Arbeit mit Angehörigen hervor.

In Trieste ist die Aufbruchstimmung in Sachen Deinstitutionalisierung vor 40 Jahren bis heute spürbar. Es gibt keine psychiatrischen und forensischen Kliniken mehr in Italien. Stabilisierung erfolgt, wenn irgendwie möglich durch Arbeit. Behandlung und Betreuung findet ambulant statt. Peers werden mehr eingesetzt, ein strukturiertes Programm/Studium etc. gibt es (noch) nicht.

Autorin
Beate Pinkert, Referentin AGpR e.V.
Claudia Seydholdt, Vorstandsvorsitzende AGpR e.V., Geschäftsführerin Die Kette e.V.
Martin Vedder, Geschäftsführender Vorstand Kölner Verein für Rehabilitation e.V.
Dieter Schax, Geschäftsführender Vorstand Verein für die Rehabilitation psychisch kranker e.V. Mönchengladbach

Datum der Veröffentlichung
22.11.2019

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