Erfahrungsbericht

© Silke Baumann
© Silke Baumann

von Torsten Küchler und Petronela Melcher Hospitation Huntington-Zentrum, Schweiz

Die Altenpflegerin Petronela Melcher und der Altenpfleger Torsten Küchler hospitierten vom 4.11.-7.11.2019 in einem Huntington-Zentrum in der Schweiz. Sie wollten dort einen Einblick in die Pflege und Betreuung von Menschen mit Chorea Huntington gewinnen. Sie waren außerdem daran interessiert zu erfahren, wie die palliative Versorgung aussieht. Sie berichten hier von ihren Eindrücken und Erfahrungen.

HospitationMenschen mit Chorea Huntington bedürfnisgerecht pflegen

Ausgangssituation, Fragestellung und Ziel
Wir betreuen und pflegen seit einigen Jahren Bewohner mit Chorea Huntington in einem Wohnbereich innerhalb eines Pflegeheimes. Allgemein ist wenig über die Pflege dieser Menschen bekannt. Wir sind deshalb an Informationen interessiert, die eine Erneuerung oder Verbesserung der Pflege bewirken können bzw. Alternativen aufzeigen. Die Möglichkeit im Ausland zu hospitieren, haben wir sehr gerne wahrgenommen, um die Pflege, Medikamentenversorgung und die gesetzlichen Grundlagen kennenzulernen.
Folgende Fragestellungen haben wir in die Schweiz mitgenommen:
• Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten bestehen in der Pflege und Betreuung?
• Wie sehen die rechtlichen Grundlagen in der Schweiz aus?
• Gibt es neue Forschungsergebnisse in Bezug auf Behandlung und Therapie?
• Gibt es eine spezielle palliative Versorgung bzw. Sterbehilfe?
• Austausch von Erfahrungen mit den schweizerischen Kollegen

Art und Ablauf der Bildungsmaßnahme
Die besuchte Siloah-Klinik in der Schweiz war die erste Einrichtung, die eine Station zur Pflege und Betreuung ausschließlich für Chorea-Huntington-Patienten eingerichtet hat. Die Einrichtung zeichnet aus, dass sie direkt an eine Akut-Klinik angeschlossen ist und von einem Neurologen betreut wird, der auf die Huntington-Erkrankung spezialisiert ist.
Die Hospitation dauerte zwei Tage. Wir wurden jeweils einen Tag in der Pflege und in der Betreuung eingesetzt. In der Pflege durften wir mit Einverständnis der Bewohner an der Grund- und Behandlungspflege teilnehmen. Am Abschlusstag nahmen wir an einem Bewohnerausflug in ein Restaurant teil.

Ergebnisse der Bildungsmaßnahme
Wir konnten bei der Grund- und Behandlungspflege keine wesentlichen Unterschiede zu unserer Arbeit in Deutschland feststellen. Wie wir sehen konnten, werden kinästhetische Grundsätze bei Transfers und Lagerungen nur wenig beachtet. Auch waren keine Hilfsmittel wie Patientenlifter auf der Station vorhanden. In diesem Bereich sind wir besser ausgestattet.
Ein deutlicher Unterschied besteht in der personellen Besetzung. Es war ungefähr doppelt so viel Personal wie bei uns in Deutschland im Einsatz. Dies wurde uns gegenüber damit begründet, dass in der Schweiz für Stationen mit neurologischen Erkrankungen ein spezieller Personalschlüssel gilt.
Auch die Hilfsmittel für die Bewohner wie Huntington-Sessel und spezielle Duschstühle sind in weitaus größerem Maße vorhanden. Diese werden in Deutschland von den Krankenkassen meist nicht bewilligt.
Die Auswahl an Speisen und Getränken für die Bedürfnisse von Huntington-Erkrankten mit Schluckstörungen ist wesentlich größer als bei uns. Es stehen außerdem mehr Hilfsmittel für die Gabe von Nahrung und Flüssigkeit zur Verfügung als bei uns. Dadurch wird eine individuelle Anpassung an den Betroffenen möglich. Durch die wesentlich bessere personelle Besetzung ist die Zeit, die ein Bewohner für die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme hat, entsprechend größer als bei uns. Daher kann in aller Regel auf künstliche Ernährung per PEG-Sonde verzichtet werden.
Auf der Station werden die Bewohner nur aufgenommen, wenn vorher eine Patientenverfügung angefertigt wurde. Dies führt dazu, dass es keine Unklarheiten gibt, wenn die Erkrankung so weit fortgeschritten ist, dass der Betroffene sich nicht mehr äußern kann. Nicht vorhandene Patientenverfügungen sind ein regelmäßig wiederkehrendes Problem in unserem Wohnbereich.
Jährlich wird der Station von der Einrichtung ein Betrag von 2500 Franken zur Verfügung gestellt, um einen Bewohnerausflug mit allen Bewohnern, egal in welchem Stadium, zu organisieren. Es wurde dafür ein Bus der Paraplegiker-Hilfe Schweiz gechartert, der über besondere Hebebühnen für den Rollstuhltransport verfügte. Der Ausflug führte in ein Restaurant, welches im Innenbereich wie ein tropischer Wintergarten eingerichtet war. Im Außenbereich befanden sich Wasserflächen unter anderem mit Flamingos. Dieser Ausflug wirkte sich sehr positiv und entspannend auf die Gemütslage der Bewohner aus. 

Transfer der Erkenntnisse im eigenen Arbeitsumfeld
Im Qualitätszirkel „Pflegeentwicklung“ wurde ein neues Aufnahmekonzept für Bewohner verabschiedet. Hierbei wird beim Aufnahmegespräch den neuen Bewohnern empfohlen, eine Patientenverfügung anzufertigen.
In 2020 ist ein Gespräch mit der behandelnden Neurologin unseres Wohnbereiches geplant, um eventuelle Änderungen in der Medikation zu besprechen. Wir möchten hier die  Erfahrungen einbringen, die wir in der Schweiz gemacht haben.
Für Januar 2020 ist ein Gesprächstermin mit der Küchenleitung unserer Einrichtung vereinbart, um die Möglichkeiten einer besser an die Huntington-Erkrankung angepassten Versorgung mit Nahrungsmitteln zu erörtern.

Fazit
Die Bildungsmaßnahme entsprach in großem und ganzem unseren Erwartungen. Unsere Fragen konnten größtenteils beantwortet werden. Wir konnten durch den Austausch mit den schweizerischen Kollegen unseren Horizont erweitern. Als sehr positiv haben wir die Atmosphäre auf der Station wahrgenommen. Die Kollegen auf der Station haben nach eigener Aussage unseren Aufenthalt und den damit verbundenen Austausch als positiv wahrgenommen.
Wir haben einige Anregungen mitnehmen können, die wir auch in unsere tägliche Arbeit einfließen lassen können. Wir konnten sehen, welche Art von Betreuung der von der Huntington-Krankheit betroffenen Patienten möglich ist und würden uns diese auch für unsere Bewohner wünschen. Wir konnten Vergleiche zwischen der Pflege und Betreuung von Huntington-Kranken in Deutschland und der Schweiz anstellen. Wir konnten durch diese Erfahrung feststellen, dass die Gegebenheiten in Deutschland bezüglich Finanzierung und Personalausstattung wesentlich schlechter sind als in der Schweiz. Wir bieten aber dennoch eine qualitativ vergleichbare Pflege.

Autorin und Autor
Petronela Melcher, Altenpflegerin und Wohnbereichsleiterin
Torsten Küchler, Altenpfleger und stellvertretender Wohnbereichsleiter

Datum der Veröffentlichung
27.01.2020

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