Erfahrungsbericht

© Friederike Günther
© Friederike Günther

von Friederike Günther South Riverdale CHC, Kanada

Die Gesundheits- und Krankenpflegerin Friederike Günther war vom 25. bis 29.11.2019 im South Riverdale Community Health Centre in Toronto, Kanada. Diese Hospitation wurde über das Förderprogramm „Care for Chronic Condition (CfCC) vermittelt. Sie wollte mit diesem Auslandsaufenthalt mehr über eine multiprofessionelle und ressourcenorientierte Versorgung von chronisch kranken Menschen erfahren.

HospitationMenschen bedürfnis- und resourcenorientiert versorgen

Ausgangssituation, Fragestellung und Ziel
In der Gesundheitsversorgung haben diagnostische und therapeutische Innovationen zu erweiterten Behandlungsmöglichkeit zahlreicher Erkrankungen geführt. Bei immer komplexer werdenden Untersuchungs- und Behandlungsabläufen bedarf es eines hohen Maßes an Kommunikation, vorausschauender Planung und professioneller Beherrschung von Schnittstellenproblematiken, um die Sicherheit der Patienten gewährleisten zu können. Unter Berücksichtigung des demographischen Wandels und einer damit einhergehenden Zunahme von Multimorbidität und Pflegebedürftigkeit, steigt der Versorgungsanspruch der Bevölkerung. Dies sind u.a. theoretische Erkenntnisse, die ich im Rahmen meines Studiums gewinnen konnte. Die praktischen Auswirkungen erlebe ich bei meiner täglichen Arbeit als Gesundheits- und Krankenpflegerin in einem städtischen Krankenhaus der Maximalversorgung. Viele, besonders ältere, chronisch erkrankte Patienten finden sich in der Leistungsvielfalt nicht zurecht, die das deutsche Gesundheitssystem bietet. Besonders Schnittstellen zwischen der stationären und ambulanten Betreuung stellen Betroffene vor Herausforderungen. Konzepte des Entlassungsmanagements oder Unterstützung durch den Sozialdienst sind dabei oft nicht ausreichend, um eine Versorgung beim Übergang zurück in die Häuslichkeit sicher zu stellen. Eine Vernetzung einzelner Leistungserbringer ist vielerorts nicht vorhanden und erschwert eine ganzheitliche Versorgung des Patienten.
Im Rahmen des CfCC-Förderprogramms erhoffte ich mir neue Erfahrungen und Erkenntnisse gewinnen zu können, um einen Beitrag bei der Entwicklung von Lösungsansätzen für diese Schnittstellenproblematik leisten zu können. Dabei steht für mich insbesondere eine multiprofessionelle, ressourcenorientierte Versorgung von chronisch kranken Menschen im Fokus.

Art und Ablauf der Bildungsmaßnahme
Im Rahmen der CfCC-Hospitation konnte ein umfangreicher Einblick in den Aufbau und die Ablauforganisation South Riverdale Community Health Centre (SRCHC) gewonnen werden. Dieses Community Health Centre im Westen Torontos, ist eines von insgesamt 73 Community Health Centres in Ontario. Mit einem umfassenden Angebot und einem niederschwelligen Zugang für die Bevölkerung, bietet das SRCHC ein vielschichtiges Angebot gesundheitlicher und sozialer Leistungen. Das interprofessionelle Team des Centres setzt sich unter anderem aus Ärzten, Krankenschwestern, nurse practitioners, Sozial- und Gemeindearbeitern sowie Mitarbeitern der Gesundheitsförderung (health promoters) zusammen.

Ergebnisse der Bildungsmaßnahme
Besonders hervorzuheben war die erlebte Kommunikation innerhalb der Organisation. Dabei waren nicht nur Kommunikationsstrategien mit Klienten, im Sinne von Health Literacy, sondern auch regelmäßige Teamgespräche und eine gelebte Feedbackkultur ein fester Bestandteil der Institution. Flache Hierarchien und der regelmäßige Austausch der einzelnen Akteure untereinander tragen zu einer kontinuierlichen Optimierung der bestehenden Arbeitsprozesse bei. Auf einer übergeordneten Ebene finden eine strukturierte Datenerhebung und Analyse bestehender Prozesse statt. Ergebnisse werden direkt zurück in die Praxis gegeben. Sie werden mit den Akteuren vor Ort kommuniziert und praxisnah evaluiert. Die enge Zusammenarbeit zwischen Theorie und Praxis führt nicht nur zu einer bedarfsgerechten sowie an den Bedürfnissen der Klienten orientierten Angebotsgestaltung, sondern trägt auch zu einer hohen Arbeitszufriedenheit aller Beteiligten bei.
Eine gute Kommunikation zeigt sich jedoch nicht nur an Schnittstellen innerhalb der einzelnen Teams, sondern ist auch bei der Arbeit mit den Klienten zu erkennen. Durch regelmäßige Schulungen im Bereich Health Literacy bzw. Gesundheitskompetenz, werden alle an der Versorgung beteiligten Mitarbeiter hinsichtlich einer patientenorientierten Kommunikation sensibilisiert. Das Ziel ist es durch gezielte Kommunikationstechniken, wie „Ask-Tell-Ask“ oder die „Teach-back Methode“, dem Klienten gesundheitliche Informationen verständlich zugänglich zu machen und ihn in seiner Gesundheitskompetenz zu stärken. Das Empowerment des Patienten hin zu einer gesundheitlichen Selbstverantwortung war während des gesamten Aufenthaltes am SRCHC als ein fester Bestandteil in allen Bereichen zu erleben. Der Patient wurde nicht nur in die Erstellung eines für ihn geeigneten Behandlungsplans einbezogen, sondern auch aktiv in die Lage versetzt, eigenverantwortlich gesundheitliche Entscheidungen für sich zu treffen. Ein bewusster Abbau der Informationsasymmetrie zwischen Arzt und Patient war hierbei entscheidend.
Ausführliche Arzt-Patientengespräche, begleitet durch ein breit aufgestelltes, bedarfsorientiertes gesundheitliches Netzwerk, ist hierfür Voraussetzung. Eine gute Kommunikation ermöglicht diese Vernetzung, ohne den Patienten dabei aus dem Blick zu verlieren. 

Fazit
Die multiprofessionelle Versorgung aus einer Hand bzw. die Koordination eines ganzen Versorgungsnetzwerkes war beispielhaft.  Die Erstellung eines gesamten Versorgungsnetzes aus unterschiedlichen Leistungserbringern, orientiert an dem tatsächlichen Versorgungsbedarf des Patienten, war beeindruckend. Viele, besonders chronisch kranke Menschen, könnten auch in Deutschland von einem solchen Netzwerk profitieren. Eine gute Kommunikation der einzelnen Versorger stellt ein transparentes und anpassungsfähiges System sicher. Der Patient kann maximal von den Angeboten des Gesundheitssystems profitieren.
Die Hospitation war fachlich und persönlich bereichernd. Ich bin motiviert neue Erkenntnisse in die eigene berufliche Praxis einzubringen und meinen Teil zu einer bestmöglichen gesundheitlichen Patientenversorgung beizutragen. Ich freue mich auf eine mögliche Projektarbeit hierzu in meinem Unternehmen.

Autorin und Autor
Friederike Günther, Gesundheits- und Krankenpflegerin

Datum der Veröffentlichung
28.01.2020

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