Erfahrungsbericht

© Ellen Arnold
© Ellen Arnold

von Ellen Arnold Hospitation Förderschule Kapstadt, Südafrika

Die Logopädin Ellen Arnold absolvierte vom 15.01.-06.03.2020 eine Hospitation in einer Förderschule in Kapstadt. Das Ziel war, die eigene therapeutische Expertise, im Umgang mit der kindlichen Dysarthrie, zu erweitern. Welche Therapie- und Diagnostikansätze werden im englischsprachigen Raum angewendet? Wie arbeiten die verschiedenen Berufsgruppen zusammen? Sie erfahren dazu mehr im Erfahrungsbericht von Ellen Arnold.

HospitationSprechstörungen behandeln

Ausgangssituation
Mehr als 50.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland leiden unter einer Dysarthrie, einer Sprechstörung. Sie sind, aufgrund der neurologisch bedingten Sprechstörung, in ihrer Kommunikation stark beeinträchtigt. Diese Einschränkungen können sich auf alle Lebensbereiche auswirken und – je nach Schweregrad – die Beeinträchtigten von der frühesten Kindheit bis ins hohe Alter begleiten. Das Krankheitsbild der Dysarthrie gilt, vor dem Hintergrund der Prävalenz und unter Berücksichtigung der Alltagskonsequenzen, als großes gesundheitspolitisches Problem. Trotz der genannten immensen Auswirkungen des Störungsbildes, gibt es bislang in Deutschland kaum Untersuchungen zur logopädischen Diagnostik und Therapie der Dysarthrie bei Kindern.

Fragestellung und Ziel
Durch diese Ausgangssituation wurde der Wunsch geweckt, Einblicke in die Behandlungs- und Diagnostikmöglichkeiten in einem englischsprachigen Land zu erhalten. Das Ziel war, die eigene therapeutische Expertise, im Umgang mit der kindlichen Dysarthrie, zu erweitern. Folgenden Fragestellungen bin ich hierfür während meines Bildungsaufenthaltes nachgegangen: Zum einen wollte ich erfahren, welche Therapie- und Diagnostikansätze im englischsprachigen Raum angewendet werden und wie diese gegebenenfalls in Deutschland implementiert werden können. Zum anderen interessierte ich mich, wie die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Bereich der Dysarthrie bei Kindern gestärkt werden kann.

Wie aus der Einführung bereits hervorgeht, besteht das Ziel darin, durch eine adäquate Behandlung eine Verbesserung der Symptomatik zu bewirken. Durch die Unterstützung der Kinder im Umgang mit ihrer Sprechstörung soll die logopädische Therapie außerdem zur Förderung des Selbstmanagements der Patienten beitragen und so – bestenfalls – vollständige (kommunikative) Teilhabe und Aktivität ermöglichen.

Art und Ablauf der Bildungsmaßnahme
Um diesen Fragestellungen nachzugehen, arbeitete und hospitierte ich sieben Wochen an einer Förderschule in Kapstadt. In der Einrichtung werden Kinder mit geistiger und/oder körperlicher Beeinträchtigung beschult. Während meiner mehrwöchigen Tätigkeit unterstützte ich zwei Kinder mit Cerebralparese im Klassengeschehen und begleitete diese zur Ergo- und Physiotherapie sowie zur logopädischen Behandlung. Aufgrund des Krankheitsbildes weisen beide Kinder eine kindliche Dysarthrie mit unterschiedlichem Schweregrad auf. Sprachtherapeutische Gruppensitzungen sowie zusätzlich Hospitationsstunden in der Logopädie wurden mir ermöglicht, um weitere Einblicke in die Behandlung dysarthrischer Kinder zu erhalten. In Zusammenarbeit mit den Therapeutinnen wurden für beide Kinder, für die ich schwerpunktmäßig zuständig war, Behandlungsinhalte und -ziele besprochen und Möglichkeiten erarbeitet. An diesen wurde nicht nur in den Therapiestunden, sondern auch innerhalb des Klassengeschehens gearbeitet.

Ergebnisse der Bildungsmaßnahme
Eine für mich besonders eindrückliche Erfahrung war die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Gerade für Kinder mit Zerebralparese, die neben der Beeinträchtigung des Sprechens meist noch eine starke körperliche Beeinträchtigung in Form von Spastiken aufweisen, ist dies absolut gewinnbringend. Dies zeigt sich zum einen in der Zusammenarbeit mit den Physiotherapeuten. Durch eine verbesserte Aufrichtung profitieren alle drei Funktionskreise des Sprechens wie die Atmung, die Artikulation sowie die Stimmgebung. Dies kann mit spezifischen logopädischen Übungen kombiniert werden. Bei Kindern, die sehr schwer beeinträchtigt sind, bietet die Zusammenarbeit mit der Ergotherapie die Möglichkeit, Lösungen für das ideale Kommunikationsmittel zu finden und gleichzeitig Übungsschwerpunkte zu erarbeiten.

Als sehr gewinnbringend habe ich außerdem die logopädischen Gruppenstunden in der Klasse empfunden, welche zweimal wöchentlich stattfanden. Kinder mit Dysarthrien werden aufgrund der Beeinträchtigung der Kommunikation meist schlecht verstanden und ziehen sich deshalb aus Gesprächssituationen zurück. Die Gruppenstunden ermöglichen es, für diese Kinder einen Kommunikationsrahmen zu schaffen, in dem sie Partizipation und Aktivität erleben. Durch den Bildungsaufenthalt konnte ich außerdem meinen Wissenshorizont bezüglich Übungen sowie Behandlungsmöglichkeiten erweitern.

Da ich in Deutschland ebenfalls an einer Schule für Kinder mit Beeinträchtigung arbeite, lässt sich ein Transfer gut ermöglichen. Gerade die Zusammenarbeit mit den anderen Fachdisziplinen (Physio- und Ergotherapie) werde ich in Zukunft intensivieren. Erfahrungen, die ich bezüglich neuer Behandlungsinhalte gewonnen habe, werde ich an meine Kolleginnen weitergeben, um diese in ihrer Arbeit mit dem Störungsbild zu unterstützen.

Fazit
Durch den Bildungsaufenthalt wurde ich zum einen darin bestärkt, dass die von mir bisher gewählten Therapiemethoden und -konzepte auch in anderen Ländern angewendet werden und daher für die Therapie kindlicher Dysarthrien sinnvoll zu sein scheinen. Des Weiteren wurde mein Wissenshorizont durch neue Ideen oder Ansätze aus anderen Bereichen erweitert. Hierdurch können Kinder und Jugendliche noch besser beziehungsweise individueller therapiert und die Betroffenen damit in ihrer Kommunikation unterstützt werden.

Der Austausch mit den Logopädinnen vor Ort hat allerdings auch gezeigt, dass das Störungsbild der kindlichen Dysarthrie – im Vergleich zu anderen kindlichen Sprech- und Sprachstörungen – bislang weltweit bezüglich der Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten unterrepräsentiert ist und dass bislang kaum evidenzbasierte Konzepte vorliegen. Behandlungskonzepte und -anwendungen stützen sich aktuell überwiegend auf die Expertise der Therapeuten. Umso wichtiger ist es, dass ich durch meinen Bildungsaufenthalt neue, praktische Erfahrungen und Anregungen für die logopädische Therapie mit dysarthrischen Kindern erhalten habe und so meine klinische Expertise erweitern konnte. Perspektivisch möchte ich außerdem durch meine Bachelorarbeit, welche sich mit einer Therapiemöglichkeit bei kindlicher Dysarthrie auseinandersetzt, einen ersten Ansatz für die Behandlung kindlicher Dysarthrien liefern.

Autorin und Autor
Ellen Arnold, Logopädin

Datum der Veröffentlichung
31.03.2020

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