Erfahrungsbericht

Brille mit Löchern als Hilfsmittel zum Einträufeln von Augentropfen © Matthias Rump
Brille mit Löchern als Hilfsmittel zum Einträufeln von Augentropfen © Matthias Rump

von Matthias Rump Hospitation Vilans, Niederlanden

Vom 02. bis 05.02.2020 hospitierte Matthias Rump beim Vilans-Institut in Utrecht und weiteren kooperierenden Anbietern ambulanter Pflegeleistungen in den Niederlanden. Dabei interessierten Ihn folgende Themen:  Wie ist die Organisation und Aufgabenverteilung innerhalb ambulanter Dienste in den Niederlanden gestaltet? Wie wird in den Niederlanden die häusliche Versorgung hilfe- und pflegebedürftiger, chronisch und mehrfach kranker Menschen auch unter zukünftigen demografischen und finanziellen Rahmenbedingungen sichergestellt? 

Hospitation…Pflege kann einfach und individuell sein …

Ausgangssituation, Fragestellung und Ziel
Seit 25 Jahren bin ich pflegend, leitend und beratend insbesondere im Bereich der ambulanten Langzeitpflege beschäftigt. Im Zuge der derzeitigen demografischen und finanziellen Entwicklungen und den kommenden Herausforderungen der professionellen Pflege und Beratung beschäftigt mich, wie Pflege- und Hilfsbedürftigen in ihrem gewohnten sozialen und örtlichen Quartier zukünftig weiterhin die erforderliche und gewünschte informelle und formelle ambulante Beratung, Betreuung und Pflege erhalten können.
In den Niederlanden wurde bereits vor etwa 15 Jahren damit begonnen, die Organisationsstrukturen bzw. Aufgabenverteilungen innerhalb ambulanter Dienste anzupassen. Durch pragmatische und intuitive analoge sowie assistierende digitale Systeme und Hilfsmittel konnten persönliche Beratungs- sowie Pflegekonzepte lokal und regional adäquat informell und formell mit handelnden Beteiligten vernetzt werden. 
Durch die politisch gewollte und refinanzierte Stärkung und Schaffung einer weitgehend einheitlichen Pflegesprache, standardisierten frei zugänglichen Verfahrensanweisungen und zielgruppenbasierten Assessmentinstrumenten, konnte damit eine einheitlich hohe Qualität im Rahmen der ambulanten Langzeitpflege sichergestellt werden.
In Hinblick auf die vergleichbaren sozialen und kulturellen Strukturen der beiden europäischen Nachbarländer stellten sich mir daher folgendeFragen: Welche Strukturen und Vorgehensweisen könnten in das deutsche System übernommen werden? Welche Anpassungen könnten ggf. zunächst in den Pflegediensten selbst erforderlich sein?
 

Art und Ablauf der Bildungsmaßnahme
Während der Hospitation erhielt ich die Möglichkeit jeweils einen Tag im VILANS Institut in Utrecht, dem TWB Pflegedienst in Roosendaal bei Rotterdam sowie dem Buurtzoorg-Team in Wiijk bij Duurstede verbringen zu können. Das Programm wurde im Vorfeld zusammen mit Prof. Henk Nies vom VILANS Institut geplant. Durch ihn wurden die jeweiligen Kooperationseinrichtungen kontaktiert.
Im Laufe der 3 Tage begleitete ich zuerst die wissenschaftliche und operative Arbeit im Institut in Utrecht: Dort wird im Auftrag des niederländischen Gesundheitsministeriums versucht, eine einheitliche Pflegesprache und -qualifikation aus der Sicht der jeweils informellen oder formell handelnden Personen in der Pflege landesweit zu etablieren. Ich nahm an Besprechungen, Workshops und Netzwerkbesprechungen teil.
Des Weiteren bekam ich an den weiteren Tagen während der Begleitung von Pflegenden bei der Klientenversorgung Einblick in folgende Aktivitäten: Besprechungen mit Teamleiterinnen und operativ Verantwortlichen im Arbeitsalltag und das Beobachten konkreter Prozesse und Arbeitsstrukturen vor Ort. Es war außerdem ein fachlicher Austausch mit den dortigen Pflegefachkräften möglich.
 

Ergebnisse der Bildungsmaßnahme
Die Qualität der alltäglichen ambulanten Pflege in den Niederlanden wird in meiner Wahrnehmung durch folgende Faktoren sichergestellt: eine einheitliche Sprache, verbindlich an Qualifikationsniveaus definierte Verfahrensanweisungen und auskömmlich durch die Kostenträger refinanzierte Pflegetätigkeiten. Darüber hinaus schaffen adäquate und vergleichbare digitale Dokumentationssysteme sowie vernetzte und miteinander abgestimmte interne und externe Arbeitsstrukturen gute qualitative und quantitative Personalressourcen. Die Fallsteuerung in den besuchten Pflegediensten orientiert sich nicht wie in Deutschland primär an wirtschaftlichen und zeitlichen Aspekten. Hier steht vielmehr der individuell erforderliche Bedarf im Fokus.
Der seitens der Kostenträger gewünschte und refinanzierte konsequente Einsatz individuell abgestimmter Pflegehilfsmittel ergänzt die ressourcenorientierte pflegerische Betreuung und Versorgung. Dies sind zum Teil pragmatische und kostengünstige Dinge wie eine Brille zum Augentropfen selbst einträufeln (siehe Foto). Dies schafft laut der Aussage einer Teamleitung im Pflegedienst zeitliche Ressourcen von bis zu 2 Stunden pro Tag.
Generell wurde im Rahmen der Hospitation deutlich, dass insbesondere eine notwendige personelle behandlungspflegerische Versorgung sehr häufig vermieden werden kann durch die Verwendung anderer intuitiver Helfer wie automatische Medikamentendispenser oder einfach anzuwendende Anziehhilfen für Kompressionsstrümpfe etc.
Nochmals zusammengefasst: Ich habe während meiner Hospitation in den Niederlanden gesehen, inwieweit Pflege- und Hilfsbedürftige in ihrem gewohnten sozialen und örtlichen Quartier zukünftig weiterhin die erforderliche und gewünschte informelle und formelle ambulante Beratung, Betreuung und Pflege durch pragmatische und intuitive Unterstützungsangebote erhalten können. Dabei wurde mir deutlich, dass insbesondere durch das Zusammenspiel digitaler Systeme, die Anwendung persönlicher Hilfsmittel und die persönlichen Beratungs- sowie Pflegekonzepte lokal und regional adäquat informell und formell mit handelnden Beteiligten vernetzt werden können.

Transfer
Die während der Hospitation erworbenen Einsichten und Ideen möchte ich zunächst in die zukünftigen Pflege- und Organisationskonzepte des aktuell von mir geleiteten Pflegedienstes etablieren.
Die vorhandene digitale Pflegedokumentation soll durch die Erarbeitung eindeutiger Formulierungen und Schlüsselbegriffe bis Ende 2020 präzisiert werden, um Pflegeergebnisse vergleichbar machen zu können. Mit Hilfe von Reports sollen diese regelmäßig ausgewertet werden.
Die Arbeitsorganisation soll so schnell wie möglich auf dynamische Kleingruppen wie bei Buurtzoorg adaptiert werden. Dieser Prozess wird aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie mit den verbundenen organisatorischen Folgen und Kontaktbeschränkungen auf das Jahr 2021 verschoben.
Bei der avisierten zukünftigen optimierten Anwendung von relevanten Hilfsmitteln soll eine enge Kooperation mit einem Netzwerkpartner aus der Medizintechnik vertieft werden. Aktuell werden Schulungen zur Sensibilisierung der Pflegekräfte durchgeführt. Außerdem erfolgen regelmäßige Pflegevisiten in Bezug auf vorhandene oder benötigte Hilfsmittel bei Beratungsklienten im Rahmen der Pflegekontrollbesuche nach § 37 Abs. 3 SGB XI.
 

Fazit
Der Aufenthalt in den Niederlanden hat meine Erwartungen weit übertroffen. Glücklicherweise konnte ich noch vor den erforderlichen Entbehrungen der Corona-Pandemie wertvolle Eindrücke für meine zukünftige Arbeit in der ambulanten Pflege sammeln. Die dabei wahrgenommenen fachlichen und organisatorischen Einblicke werden meine zukünftige Arbeit positiv beeinflussen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, was durch eine systematisch organisierte und ausreichend refinanzierte Pflege machbar ist. Dies motiviert mich seitdem an jedem Arbeitstag.
Ein weiterer wichtiger Aspekt sind für mich die neu gewonnenen Netzwerke in den Niederlanden. Nicht nur in Hinblick auf etwaige pflegefachliche und organisatorische Prozesse. Vielmehr habe ich seit Ausbruch der Corona-Pandemie mit einzelnen Menschen in den Niederlanden einen kontinuierlichen persönlichen Austausch, in dem wir uns gegenseitig informell über unsere Erfahrungen und Lösungsstrategien austauschen. Ich kann von mir behaupten, dass mich diese Hospitation noch „europäischer“ gemacht hat. Ich werde auch zukünftig weitere Chancen auf ähnliche Ausblicke nutzen und empfehle Fach- und Führungskräften aus dem Gesundheitswesen, diese Fördermöglichkeit wahrzunehmen.“
 

Autor
Matthias Rump, Diplom Pflegewirt (FH), PDL Sozialstation Wolfsburg Mitte

Datum der Veröffentlichung
19.06.2020

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